Margaret Bourke-White – Historische Augenblicke

Margaret Bourke-White, Moments in History
Margaret Bourke-White, Moments in History

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Margaret Bourke-White (1904-1971) in der von Männern dominierten Welt des Fotojournalismus eine Ausnahmeerscheinung. Als erste Frau arbeitete sie ab 1929 als Fotoreporterin für das Magazin Fortune, als Erste durfte sie 1930 in die Sowjetunion einreisen, um das Leben dort fotografisch zu dokumentieren, und als erste weibliche Fotografin wurde sie 1935 kurz nach seiner Gründung beim Magazin Life angestellt. In Russland fotografierte sie einen lächelnden Stalin und in Georgien die alte Mutter des Diktators. Im Jahr 1941, als die ersten deutschen Bomben auf Moskau fielen, war Bourke-White als einzige ausländische Fotojournalistin in der Stadt und lichtete die Arbeit in den Lazaretten hinter der Front ab.

Viele ihrer Bilder fanden Eingang in das kollektive Bewusstsein, wie jene, die sie vom Konzentrationslager Buchenwald nach der Befreiung durch amerikanische Truppen machte. Der vorliegende Bildband widmet sich Margaret Bourke-Whites Werk in den 1930er- und 1940er-Jahren, und die in der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, in Deutschland, England und Italien entstandenen Aufnahmen zeigen Zeitgeschichte aus einer Nähe, wie man sie sonst nur selten findet.

Fotojournalistin mit Leidenschaft für das Motiv

Margaret Bourke-White war eine Fotografin voller Leidenschaft für das Motiv; vor allem aber war sie das “Auge” ihrer Zeit. Sie scheute weder Gefahr noch Anstrengung, um aktuelle Ereignisse mit ihrer Kamera festzuhalten. Oft genug war sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und so gelang es ihr, viele der  bemerkenswertesten historischen Momente der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Bild festzuhalten. Als junge Fotografin entging sie knapp einem deutschen Torpedoangriff; sie schoss Bilder von Bombern der Alliierten und wagte sich auf das Dach des Chrysler Buildings, um New York aus schwindelerregender Höhe zu fotografieren. Das sind Bilder, bei denen uns heute noch der Atem stockt.

Fasziniert von der industriellen Revolution und den durch sie bedingten sozialen Veränderungen fotografierte Bourke-White die neuen großen Fabriken in der Sowjetunion und den USA. Ihre erste Reise in die Sowjetunion im Jahr 1930 erfolgte während Stalins erstem Fünfjahresplan, einer Ära, in der die Sowjetunion die Industrialisierung des Landes mit dem Ziel einer schnellen Expansion insbesondere der Schwerindustrie mit aller Macht vorantrieb.

Die Ästhetik der Maschinen

So stehen bei ihren Aufnahmen in den sowjetischen Fabriken auch die Arbeiter und ihre Maschinen bei ihren Aufnahmen im Mittelpunkt. Durch ungewöhnliche Perspektiven und einen sorgfältig komponierten Bildaufbau gewann sie dieser Welt einen spezifischen ästhetischen Reiz ab, in der Mensch und Maschine als gleichwertige Elemente erscheinen.

Doch sie dokumentiert auch andere Aspekte des täglichen Lebens in der Sowjetunion, wie etwa Kinder auf dem Weg zur Schule, das Leben auf der Straße, Planer bei der Arbeit und Landarbeiter. Später fing sie auch in den USA eine dem Auge des gewöhnlichen Betrachters meist verborgene Schönheit der riesigen Stahlfabriken mit ihren Bildern ein.

Während des Zweiten Weltkriegs dokumentierte Margaret Bourke-White auch das Leben in England, Tunesien und Italien; In Deutschland hielt sie die Ruinen der ausgebombten deutschen Städte fest. Ihre Bilder des befreiten Konzentrationslagers Buchenwald nach der deutschen Kapitulation oder die Leichen von Nazifamilien nach dem Selbstmord sind Bilder, die man nie wieder vergisst.

Das Drama des Menschen

Bourke-Whites Fotos sind eindringlich und gehen unter die Haut. Bei aller sorgfältigen Komposition sind sie niemals distanziert, sondern lassen eine große Empathie mit den dargestellten Menschen und den Situationen, in denen sie sie fotografierte, spüren.

Margaret Bourke White: Her Pictures Were Her Life. Biographie
Margaret Bourke White: Her Pictures Were Her Life. Biographie

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Bourke-White nah am Geschehen der Zeit: Sie fotografierte Mahatma Gandhi am Spinnrad, dokumentierte den Koreakrieg und die Apartheit in Südafrika. Die Frau, die an der Cornell University in Ithaca, New York, studiert und nach ihrem Abschluss in Cleveland, dem industriellen Zentrum der USA, ihr eigenes Fotostudio eröffnete, hat sich mit einzigartigen Motiven und einer unverwechselbaren Ästhetik in die Geschichte der Fotografie eingeschrieben.

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